Lernen, anwenden, begleiten – Einblicke in die Ausbildung zur Tiertherapeutin mit Sarah Mergen
Im Bereich der Tierheilpraktik gibt es bei der Ausbildung deutliche Qualitätsunterschiede. Obwohl viele naturheilkundliche Verfahren detailliert in der Praxis eingeübt werden müssten, haben sich einige Anbieter auf digitale Inhalte spezialisiert – u.a. um mehr Schüler aufnehmen zu können. Dadurch fehlt ein essenzieller Erfahrungsschatz über gezielte Handgriffe für die spätere Praxis.

S. Mergen: Meine Motivation kam daher, dass ich selbst eine Ausbildung zur Tierheilpraktikerin gemacht und dabei erfahren habe, dass es leider nur ganz wenige Fortbildungen gibt. An meinem ersten Wochenende fand dann ein Seminar zur klassischen Massage und Lymphdrainage im Ausbildungsinstitut statt. Mir wurde jedoch mitgeteilt, dass ich die Anwendung nie in der Praxis, sondern nur in der Theorie lernen werde. Dadurch wurde mir vollkommen klar, dass ich jemanden finden muss, der mir und anderen Schülern die Praxiseinheiten näher bringen kann.
Daraufhin habe ich viele Buchautoren angeschrieben und nach der Möglichkeit gefragt, ob die Person Interesse hätte, entsprechende Seminare anzubieten. Parallel habe ich mich bei meinen Kollegen umgehört, ob sie auch Lust hätten, an praktischen Fortbildungen teilzunehmen. Die Resonanz war sehr groß, denn es gab zwar Schulen, aber keine Fortbildungen bzw. Einzelseminare mit praktischen Einheiten.
Ich habe dann zunächst Erfahrungen für mich im Kleinen gesammelt und später selbst Ausbildungen angeboten. Nicht zuletzt aus eigennütziger Motivation, um meine Kosten zu decken, da ich kaum Startkapital für meine Praxis hatte. Im Laufe der Zeit ist eine große Nachfrage entstanden.
Für mich war es sehr spannend, da ich auf der einen Seite selbst Schüler war und auf der anderen begann, Seminare anzubieten. In der Organisationsphase habe ich mich selbst und die anderen Teilnehmer immer wieder gefragt, was ein Schüler benötigt, um während der Ausbildung glücklich zu sein. Dadurch konnte ich erfassen, was die meisten Schüler kritisierten – u.a. das Revolving-System, wenig Praxiswissen und nicht sinnvoll aufeinander aufbauende Themen. Ich habe dann aufgrund der großen Schnittmenge eine gute Ausbildungsbasis geschaffen.
S. Mergen: Eine spannende Frage, die ich wie folgt beantworten möchte: Vielleicht kennen Sie auch die Situation bei einem Restaurantbesuch, dass 50 Gerichte auf der Speisekarte stehen und man sich fragt, ob denn wirklich jede Speise bei dieser Menge gut sein kann? Mir persönlich ist es lieber, wenn es eine geringe Auswahl an Gerichten gibt, die dann unter vollem Einsatz gekocht werden.
Viele Schulen locken oder ziehen Ihre potenziellen Schüler ebenfalls mit zahlreichen Angeboten an, aber wenn man genau hinschaut, werden komplexe Themen wie TCM innerhalb von nur drei Wochenenden behandelt. Es ist aus meiner Sicht allerdings unmöglich, diese komplett eigenständige Medizinform – die auf einer chinesisch-östlichen Denkweise basiert – innerhalb so kurzer Zeit zu erfassen. Gleiches gilt für die Homöopathie, die auch an drei Wochenenden gelehrt wird. Dadurch können Schüler zwar in ihrem Werdegang und auf ihrer Visitenkarte „Akupunktur” oder „Homöopathie” schreiben, aber aus unserer Sicht ist das erworbene Wissen nicht ausreichend.
Uns liegt es bei der Ausbildung zum Tierheilpraktiker hingegen am Herzen, dass wir zwei Spezialisierungsformen anbieten – Homöopathie und Akupunktur, die jeweils als eigenständige Ausbildungen über mehrere Monate angeboten werden. Zusätzlich können die Schüler noch weitere Ausbildungen wie Osteopathie für Pferd oder Hund, die tiergestützte Therapie, Psychokinesiologie und Kräutertherapie absolvieren. Ich finde es schon wichtig, eine gewisse Vielfalt anzubieten, also mehrere größere Themen, die dann aber auch wirklich intensiv behandelt werden.
In unseren Beratungsgesprächen schauen wir genau, was für einen Typ Mensch bzw. welche Persönlichkeit ich gerade vor mir sitzen habe. Ein Denker bzw. Bücherwurm, der auch immer wieder Rückzug beansprucht, ist beispielsweise ein guter Charakter für Homöopathie. Personen, die hingegen als eine Art Bewegungstyp gerne mit ihren Händen leben bzw. agieren, sind wiederum optimal für Osteopathie geeignet. Manchmal entwickelt sich die Spezialisierung natürlich auch langsamer.
Nicht zuletzt umfasst unser Angebot praxisorientierte Seminare, die im Anschluss an die solide Grundausbildung zubuchbar sind. Ein fertiger Osteopath kann dann entscheiden, welche Themen ihn interessieren und zum Beispiel sein Wissen über Triggerpunkte oder Taping vertiefen. Kleinere Online-Seminare in Form von Vorträgen zu Themen wie Heilsteinen, Marketing und rechtlichen Grundlagen dienen als Bausteine, die unser Angebot sinnvoll abrunden.
S. Mergen: Die „Praxisschocks“ finde ich ganz wichtig, um zu wachsen. Auch ich hatte diese. Ich bin eher der „Kaltwasser Spring-Typ“ und erinnere mich noch, dass ich für meinen ersten Patienten mit einer Lungenthematik alles zurechtgelegt hatte. Zusätzlich habe ich zwei Tage lang alle Eventualitäten durchgespielt und mir passende Mittel zurechtgelegt. Als der Patient kam, sagte der Besitzer „Der Husten ist schon viel besser, aber mein Pferd lahmt“. Diese Geschichte erzähle ich meinen Schülern immer wieder, da diese oder ähnliche Situationen ganz normal sind und man intensiv daran wächst.
Wir versuchen dennoch gezielt diese „Praxis-Schocks“ zu vermeiden. Was ich diesbezüglich für sehr wichtig halte, ist, dass man sich nicht dazu verleiten lässt, eine Ausbildung zu wählen, bei der ganz viel online über digitale Veranstaltungen angeboten wird. Für uns wäre es als Ausbildungsinstitut natürlich auch super einfach, zahlreiche Online-Kurse anzubieten und mehr Schüler aufzunehmen. Aber der Beruf des Tierheilpraktikers muss per Hand gelernt werden, da er mit Händen gelebt wird. Bei uns müssen alle Schüler in kleinen Gruppen präsent sein, da wir immer wieder die einzelnen Griffe durchgehen. Dadurch lassen sich „Praxisschocks“ vorbeugen und wir sprechen zusätzlich alle möglichen Eventualitäten durch.
Dennoch ist ein gewisser Druck, wenn man ohne Lehrer das erste Mal vor einem Patienten steht, völlig normal und letztendlich auch wichtig, da diese Erfahrungen zum persönlichen Wachstum führen. Durch jeden weiteren Patienten lernt man intensiv dazu; man scheitert gelegentlich, lernt und wird mit der Zeit immer besser.
S. Mergen: Egal, ob es um Homöopathie oder Akupunktur geht: Wir leben in der westlichen Welt und daher müssen wir als Tierheilpraktiker zunächst eine gute und solide schulmedizinische Ausbildung haben. Wir beschäftigen uns intensiv mit der Pathophysiologie und wissen, wie der Körper funktioniert und welche Krankheiten es gibt.
Zusätzlich kommt es auch auf den Typ Mensch an, der uns gegenüber steht. Einige Besitzer glauben nicht an die Naturheilkunde, aber sind so verzweifelt, dass sie alles ausschöpfen möchten und dann gibt es Besitzer, die ausschließlich zum Naturheilkundler gehen. Ich finde es wichtig, dass wir zunächst über schulmedizinische Untersuchungen – beispielsweise über ein Blutbild – herausfinden, was der Hund hat. Ich hatte schon oft den Fall, dass ich über labordiagnostische Werte auf Krankheiten gestoßen bin, die Tiermediziner zuvor nicht erkannt hatten.
Für weitere Untersuchungen verweise ich dann allerdings auf Kliniken oder Tierarztpraxen, wenn ich an gewissen Stellen nicht weiterkomme und beispielsweise ein Ultraschall oder eine begleitende Medikation sinnvoll sein könnten. Dadurch entsteht eine Zusammenarbeit aus klassischer und naturheilkundlicher Medizin. Dafür muss man sein Handwerk gut verstehen und auch wissen, wo die Grenzen der Tierheilpraktik liegen.
Ich halte einmal pro Jahr für meine angehenden Tiertherapeuten ein Seminar, um gezielt Praxiswissen zu vermitteln. Häufig kommen dann Schüler auf mich zu und fragen mich nach spezielleren schulmedizinischen Untersuchungsmöglichkeiten. Solche Fragen leite ich dann gerne an einen unserer tierärztlichen Dozenten weiter, da bei uns jeder sein Fachgebiet doziert, in dem er auch Experte ist.
S. Mergen: Wir waren eines der ersten Institute, die aufgrund von COVID gesagt haben, es muss weitergehen, sodass wir Themen wie rechtliche Inhalte vorgezogen und online angeboten haben. Digitale Inhalte gibt es nach wie vor als ergänzender Baustein. Die grundlegenden Seminare und Fortbildungen sind jedoch weiterhin praxisnah und mit Anwesenheitspflicht angelegt. In der Homöopathie gibt es hingegen einen relativ großen theoretischen Background, der sich auch als Online-Seminar anbietet.
Ansonsten sind die Gruppenschulungen vor Ort so wichtig, weil die Tierheilpraktik ein Beruf ist, der mit den Händen ausgeführt wird. Zusätzlich brauchen sich die Schüler untereinander im Rahmen der Gruppendynamik, um sich gegenseitig auszutauschen und zu motivieren. Im Gegensatz dazu eignen sich Themenbereiche wie Marketing, Vitalpilze, Heilsteine oder Social Media ideal als digitales Zusatzangebot, um die Basis zu verfeinern und grundlegende therapeutische Anwendungen zusätzlich zu stabilisieren.
S. Mergen: In der Tierheilpraktik wird die Wissensvermittlung während der Ausbildung in der Regel auf Hund und Pferd begrenzt und selbst Katzen schon als Randgebiet eingestuft. Uns ist es hingegen ganz wichtig, dass unsere Schüler nicht nur mit Nutztieren, sondern auch mit den verschiedensten Tierarten, auch Vögeln, Lamas oder Reptilien, vertraut sind, sodass diese Vielfalt fester Bestandteil unserer Ausbildung ist. Bisher gibt es wenige Mediziner und Heilpraktiker, die sich mit speziellen bzw. seltenen Tierarten auskennen. Uns ist es wichtig, gerade da anzusetzen und nochmal mehr Wissen zu vermitteln.
Für den Bereich Nutztiere wie Schweine, Rinder, Schafe und Geflügel haben wir die Expertin Christiane Gromöller als Dozentin, die Wissen zu Themen wie Bestandsbetreuungen von Nutztieren vermittelt. Ich beobachte, dass das Bewusstsein für naturheilkundliche Verfahren gerade im Bereich biologisch wirtschaftender Höfe zunimmt. Aus meiner Sicht ergibt sich daraus langfristig auch Potenzial für engere Kooperationen mit Landwirten – zum Beispiel in Form von Arbeitskreisen, bei denen man gemeinsam an Lösungen arbeitet oder Grundkenntnisse vermittelt, damit Bauern in bestimmten Fällen selbstständig handeln können.
Bei Schlachttieren ist es aus rechtlicher Sicht tatsächlich herausfordernd, da die Gabe von Homöopathie an Wartezeiten gebunden ist, sodass die Tiere erst nach einer gewissen Zeit geschlachtet werden dürfen – obwohl ich mir als Mensch beispielsweise zahlreiche Packungen Arnika kaufen und einnehmen kann.
S. Mergen: Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass sich zunächst eine intensivere Zusammenarbeit aus Tiermedizinern und Heilpraktikern ergibt, in der jeder seine jeweiligen Kompetenzen einbringt und wir Besitzer und Tier gemeinsam beraten bzw. behandeln. Wenn eine Sehnenerkrankung schulmedizinisch diagnostiziert wird, könnte ich im Anschluss als Tierheilpraktikerin geeignete homöopathische Therapieansätze und Laser, Akupunktur oder Magnetfeld anwenden, um die Prozesse zu stimulieren. Dieses Repertoire an geeigneten Instrumenten hätte ein Tiermediziner nicht zur Verfügung. An dieser Stelle ist dann auch der Besitzer involviert, der seinem Tier Globuli verabreicht oder die Magnetfeldtherapie anwendet. Diese Zusammenarbeit für das Wohl der Tiere ist so wertvoll.
Zusätzlich wünsche ich mir, dass es mehr Einheitlichkeit bezüglich der Ausbildung und Prüfungen gibt. Wir haben zwar einen Dachverband, aber nach wie vor gibt es auch einige Schulen, die sich nicht an die Prüfungsrichtlinien und sonstige Vorgaben halten und eine unzureichende Ausbildung anbieten. Diesbezüglich sehe ich ein großes Potenzial für mehr Prüfsiegel, Zertifikate und einheitlich hohe Standards.
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