Chronisch krank, aber lebensfroh: Was Halter über Arthrose beim Hund wissen sollten

Arthrose beim Hund – das klingt für viele nach einem unausweichlichen Altersleiden. Doch chronische Gelenkerkrankungen betreffen auch viele jüngere Hunde und bleiben oft lange unerkannt. Im Interview erklärt Dr. med. vet. Romina Pankow, worauf Hundehalter frühzeitig achten sollten, welche modernen Diagnose- und Therapieverfahren zur Verfügung stehen – und warum ein aktives, gutes Leben trotz Arthrose möglich ist.

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Arthrose beim Hund – das klingt für viele nach einem unausweichlichen Altersleiden. Doch chronische Gelenkerkrankungen betreffen auch viele jüngere Hunde und bleiben oft lange unerkannt. Im Interview erklärt Dr. med. vet. Romina Pankow, worauf Hundehalter frühzeitig achten sollten, welche modernen Diagnose- und Therapieverfahren zur Verfügung stehen – und warum ein aktives, gutes Leben trotz Arthrose möglich ist.

Dr. Pankow: Tatsächlich beginnt Arthrose oft schleichend – und unsere Hunde sind Meister im Kompensieren, wenn es „zwickt“. Erste Anzeichen können eine veränderte Bewegungsfreude sein, etwa wenn der Hund nicht mehr gerne ins Auto springt, beim Spaziergang zurückfällt oder morgens nach dem Aufstehen etwas „eingerostet“ wirkt. Auch subtile Veränderungen wie häufiges Umsetzen im Liegen, Lecken an bestimmten Gelenken oder eine neue Gangart sind Warnzeichen. Viele dieser Symptome werden nicht selten fälschlicherweise mit dem Alter entschuldigt – dabei sind sie oft Ausdruck von chronischem Schmerz. Je früher wir handeln, desto besser können wir den Verlauf beeinflussen.

Dr. Pankow: Eine gründliche klinische Untersuchung steht am Anfang – sie umfasst nicht nur das betroffene Gelenk, sondern auch die umliegende Muskulatur, das gesamte Bewegungssystem, das Gangbild und die Wirbelsäule. Bildgebende Verfahren wie Röntgen oder Ultraschall, bei Bedarf auch CT oder MRT, helfen, den Grad der Veränderungen sichtbar zu machen. Wichtig ist mir aber auch die funktionelle Beurteilung: Wie bewegt sich der Hund im Alltag? Wie gut kompensiert er? Wie stark sind Schmerz und Einschränkung wirklich? Der Schweregrad ergibt sich nicht allein aus dem Röntgenbild – sondern vor allem aus dem Zusammenspiel von klinischen Befunden und dem individuellen Erleben des Hundes.

Dr. Pankow: Jeder Hund ist anders – und jede Familie hat andere Möglichkeiten. Deshalb gibt es keine einzelne Schablone, sondern einen ganzen „Werkzeugkoffer“ an Optionen, aus dem wir das Passende wählen. Medikamente können Schmerzen lindern, aber ebenso wichtig sind Bewegung, Muskelaufbau, manuelle Therapien sowie ein angepasstes Ernährungs- und Gewichtsmanagement. Ich frage gezielt: Was ist realistisch im Alltag? Wie aktiv sind der Hund und seine Menschen? Wir starten meist mit mehreren Maßnahmen gleichzeitig, um die Lebensqualität schnell zu verbessern – und passen den Plan dann regelmäßig an.

Dr. Pankow: Bewegung ist essenziell – sie hält die Gelenke beweglich und die Muskulatur stark. Der Gelenkknorpel wird nur durch Bewegung ernährt. Entscheidend ist jedoch die richtige Dosis: lieber regelmäßig und moderat als selten und überfordernd. Spaziergänge sollten möglichst gleichmäßig und gelenkschonend sein: keine wilden Ballspiele, kein abruptes Sprinten. Wärme vor der Bewegung und Pausen unterwegs können unterstützen. Und: Muskeltraining darf Spaß machen! Kleine Übungen zu Hause, gezieltes Gehen über unebenen Untergrund oder auch Schwimmen – all das kann individuell an den Gesundheitszustand des Tieres angepasst werden.

Dr. Pankow: Übergewicht ist einer der wichtigsten Risikofaktoren für Arthrose – jedes zusätzliche Kilo belastet die Gelenke. Und zwar nicht nur mechanisch, sondern vor allem durch die entzündungsfördernden Eigenschaften von Fettgewebe. Deshalb ist ein schlanker Hund das erste Therapieziel. 

Ich empfehle eine ausgewogene, individuell angepasste Ernährung – ergänzt durch wertvolle Inhaltsstoffe wie Omega-3-Fettsäuren (EPA und DHA) und Nährstoffe wie natives Kollagen Typ II sowie ausgewählte Phytoextrakte wie Kurkuma oder Weihrauch.

Dr. Pankow: Schon kleine Veränderungen machen einen großen Unterschied: eine rutschfeste Unterlage auf glatten Böden, ein orthopädisches Hundebett zur Entlastung der Gelenke, Rampen statt Treppen oder Hilfe beim Einsteigen ins Auto. Einige Hunde profitieren auch von einem Geschirr mit Hebehilfe. Ziel ist es, Schmerzquellen zu reduzieren und dem Hund mehr Sicherheit in der Bewegung zu geben.

Dr. Pankow: Arthrose zu haben, heißt nicht automatisch, dass ein Hund leidet. Was wirklich zählt, ist, nicht in Frustration oder Mitleid stecken zu bleiben, sondern gemeinsam Wege zu finden, wie man den Hund unterstützen kann. Wer versteht, dass sich die Erkrankung oft in Wellen zeigt – mit Tagen, an denen alles leicht fällt, und anderen, an denen es mehr Fürsorge braucht – kann solchen Schwankungen mit mehr Ruhe und Vertrauen begegnen. Auch wenn sich Arthrose in der Regel weiterentwickelt, heißt das nicht, dass wir ihr machtlos gegenüberstehen. 

Häufig lassen sich die Ursachen – wie ein fehlgestelltes Gelenk bei einer Ellbogendysplasie – nicht komplett beheben. Aber: Wir können unglaublich viel tun, um Schmerzen zu lindern, die Beweglichkeit zu fördern und die Lebensfreude des Tieres zu erhalten. Und genau dieses aktive Zutun ist oft der Schlüssel – für mehr Lebensqualität und für eine tiefere Verbindung zwischen Mensch und Hund. 

Viele meiner Hundehalter erzählen mir, wie sehr sich ihr Blick auf ihren Hund im Laufe der gemeinsamen Zeit verändert hat. Wie sie ihn neu kennengelernt haben – durch das Anpassen an seinen Tageszustand, durch neue gemeinsame Rituale, durch Nähe und Berührung. Diese Aufmerksamkeit schafft oft eine ganz besondere Form der Verbundenheit. Und letztlich gilt: Ein geliebter Hund braucht keine Perfektion, sondern Präsenz, Geduld und ein offenes Herz.



Dr. Pankow: Ich wünsche mir mehr Bewusstsein für Schmerzen bei unseren Hunden – und für die Tatsache, dass Schmerz kein Schicksal ist, sondern behandelbar. Außerdem hoffe ich, dass Veränderungen bei älteren Hunden nicht länger vorschnell als „altersbedingt“ abgetan, sondern als das wahrgenommen werden, was sie oft sind: wichtige Signale, die ernst genommen werden sollten. 

Etwas, das mir besonders am Herzen liegt: Eine Arthrose-Diagnose darf kein Stempel sein wie „chronisch krank, da geht nichts mehr“. Sie ist vor allem eins – eine Information. Und mit dieser Information können wir arbeiten. Sie ist kein Ende von Lebensfreude oder Beweglichkeit. Auch in der Humanmedizin zeigen Studien, dass viele Menschen strukturelle Gelenkveränderungen haben, ohne jemals starke Beschwerden zu entwickeln. Entscheidend ist also nicht allein das Röntgenbild, sondern vor allem das klinische Bild – also wie es dem Hund wirklich geht.

Arthrose ist keine „schlimme Krankheit“, sondern ein Zustand, den wir mit Wissen, Empathie und guter Betreuung hervorragend begleiten können. Sie bedeutet keinesfalls automatisch Leiden – sondern eröffnet, richtig begleitet, viele Möglichkeiten für ein aktives, erfülltes Leben. Mir liegt es am Herzen, Hunde-Menschen zu stärken: mit Wissen, Verständnis für die Bedürfnisse ihrer Hunde und mit der Zuversicht, dass ein richtig gutes Leben trotz Arthroseveränderungen möglich ist.



Chronisch krank, aber lebensfroh: Was Halter über Arthrose beim Hund wissen sollten

Romina Pankow

Dr. med. vet. Romina Pankow ist Tierärztin mit dem Schwerpunkt Schmerztherapie und End-of-Life-Care. Sie ist Autorin des Buches „Arthrose beim Hund“ und Gründerin der Plattform AIM – Arthrose, Information & Management. Nach ihrer Doktorarbeit im Bereich Neurologie sammelte sie umfassende klinische Erfahrung in Orthopädie, Innerer Medizin und Notfallmedizin. Sie verfügt über zahlreiche Zusatzqualifikationen – darunter in Schmerzmanagement, Akupunktur, Chiropraktik und Palliativmedizin – und vertieft kontinuierlich ihre Expertise in der Schmerzmedizin. Ihr Ansatz ist integrativ: Er verbindet wissenschaftlich fundierte Methoden mit komplementären, in der Praxis bewährten Ansätzen – und entwickelt sich stetig weiter. Neben ihrer klinischen Arbeit liegt der Tierärztin die Wissensvermittlung für Menschen mit Hund besonders am Herzen – mit dem Ziel, ihre Handlungskompetenz zu stärken. So können sie fundierte Entscheidungen treffen und ihren Hund gezielt unterstützen.