Zwischen Körpersprache und Alltagstraining – Impulse für ein achtsames Miteinander mit dem Hund

Der Alltag mit einem Hund kann Mensch und Tier vor einige Herausforderungen stellen – insbesondere dann, wenn es sich um einen Angsthund handelt. Wenn Besitzer ihren Hund jedoch achtsam beobachten, ihm liebevoll begegnen und seine Entspannung gezielt über spezielle Techniken, Phytotherapie und Co. unterstützen, kann daraus eine einzigartige Verbindung wachsen und Ängste überwunden werden.

karin petra freiling

P. Freiling: Was mich motiviert, sind die fröhlichen Augen des Hundes, wenn er wieder seinen Weg gefunden hat, und natürlich auch die glücklichen Halter – vor allem beide zusammen, die dann einfach ein schönes, zufriedenes und glückliches Miteinander erleben. Genau das herauszukitzeln aus dem Hund, was in ihm steckt, und den Besitzer liebevoll anzuleiten, die Körpersprache zu lesen, den Hund zu lesen – und zwar bevor er in Situationen gerät, die vielleicht schwierig sein könnten. Diese vorher liebevoll abzuwenden oder entsprechende Tellington-TTouch-Übungen, Clickertraining oder Ähnliches anzuwenden, um es dem Tier leichter zu machen. 

Dadurch entstehen eine unvergleichliche Verbindung, Leichtigkeit und Verständigung. Die tiefe Verbindung zwischen Mensch und Tier ist meine Passion. Das ist einfach eine ganz spannende Arbeit, ein bisschen wie Detektivarbeit, und das ist genau das, was ich liebe: den Schatz aus dem Hund fördern, der in ihm steckt.

P. Freiling: Alles spielt zusammen: Der Körper strebt die Homöostase, also das Gleichgewicht, an. Bei Hunden, die ängstlich oder aggressiv sind, hyperaktiv oder krank, gibt es ein Ungleichgewicht im Körper. Es macht Sinn, dem Hund das zu gönnen und zuzufügen, was ihm guttut, auf verschiedenen Wegen. Liebevolle Berührungen, Ruhe, Entspannung, gesundes Futter, die entsprechenden beruhigenden Öle wie z. B. Lavendel und Baldrian, aber auch phytotherapeutische Präparate. 

Magnesium eignet sich meiner Meinung nach sehr gut, um die Muskulatur zu entspannen (Magnesium trägt zu einer normalen Muskelfunktion bei). Das sind alles Dinge, die sich gegenseitig ergänzen. Die natürlichen Präparate und die feinen Methoden bieten viele Stellschrauben, die es mir ermöglichen, dem Tier ganz spezifisch und auf seine Bedürfnisse zugeschnitten zu helfen.

P. Freiling: Meine Erfahrung ist es, dass die meisten Verhaltensthemen auf Angst und Unsicherheit beruhen. Getreu einer Aussage von Linda Tellington-Jones: „Aggression ist ein Schrei nach Hilfe“ – und eigentlich fußt sie auf der Angst. Ich behandle alle aggressiven Hunde so, als wären sie ängstlich, und das hat sich sehr bewährt. Ein liebevoller und achtsamer Umgang ist dabei beispielhaft. Entspannung ist ganz wichtig, weil die meisten Verhaltensthemen darauf beruhen, dass das Tier nicht genügend ruht. Ein Tier schläft eigentlich 17 bis 20 Stunden am Tag – das ist im normalen Familienleben oft gar nicht möglich. Wenn der Hund Verhaltensthemen hat, ist das noch seltener möglich. Jeder Stress oder jede Aggression führt zu einer Ausschüttung von Cortisol, einem Stresshormon, das drei bis sechs Tage benötigt, um abgebaut zu werden. Daher ist es wichtig, gegenzusteuern: viel Entspannung, viel Ruhe. Der Tellington TTouch hilft besonders, da er zur Ausschüttung von Oxytocin führt, dem Gegenspieler von Cortisol. Schon eine sanfte Berührung kann diesen Effekt haben. Auch der liebevolle Blick zwischen Hund und Besitzer kann Oxytocin freisetzen. 

Clickertraining sorgt für die Ausschüttung von Dopamin und freudige Erlebnisse fördern Serotonin. Durch tryptophanhaltige Lebensmittel wie Putenfleisch, Haferflocken, Bananen oder Sojaprodukte kann Serotonin unterstützt werden. Wenn der Hund berührt wird, schüttet er Oxytocin aus – ein sofortiger Gegenspieler zu Stresshormonen. Daher ist es sinnvoll, nach aufregenden Erlebnissen den Hund ganz gezielt mit Tellington TTouch zu behandeln, um Stresshormone zu reduzieren. Der Körper kann nicht gleichzeitig Gas geben und bremsen – daher ist es wichtig, die Ausschüttung von Entspannungshormonen zu unterstützen.

P. Freiling: Ich empfehle, den Hund wirklich gut zu beobachten. Es gibt viele schöne Ansätze bezüglich der Beruhigungssignale, die der Hund aussendet. Wichtig ist, den Hund als Freund und Familienmitglied zu betrachten und ihn schon von vornherein so zu sehen, wie man ihn sehen möchte. Unsere Gedanken haben einen direkten Einfluss auf den Hund. Wenn ich denke: „Ich möchte jetzt spazieren gehen“, springt der Hund auf und holt die Leine. Wenn ich denke: „Oh mein Gott, da vorne kommt ein Hund“, spannt sich der Hund an, obwohl er den anderen Hund vielleicht noch gar nicht gesehen hat. Wir übertragen unsere Stimmung oft direkt. Daher können wir als Hundebesitzer an uns arbeiten, möglichst ruhig und ausgeglichen zu sein. 

In meinen Forschungen in Tierparks und Zoos über Hunde und Wölfe habe ich gelernt: Der coolste, ausgeglichenste und ruhigste Hund im Rudel ist der Leithund. Wir können das übernehmen, einfach nett und liebevoll sein, auch mal ein Auge zudrücken, den Hund sanft auf dem Weg zu einem ruhigen, ausgeglichenen Hund führen. Denn das ist auch das, was jeder Leithund macht: Er versucht, den anderen Hunden so viel Ruhe mitzugeben, dass sie sich entspannt verhalten können. Nur dann ist das Leben in der Wildnis sicher. Das können wir auf unsere Zivilisation übertragen. Wenn ein Hund entspannt ist, geht er gelassen am anderen Hund vorbei, kann Besuch ruhig empfangen und überall mitgehen. Das ist das Ziel.



P. Freiling: Die Tierschutzarbeit ist meine tägliche Praxis. Ich arbeite täglich mit Tierbabys, vor allem in der Welpen-Saison, aber auch mit Hunden aus umliegenden Tierschutzhäusern, die zu uns kommen. Diese Hunde sind oft sehr schwierig – ängstlich, aggressiv oder krank. Ich päpple sie liebevoll auf und bereite sie auf ein neues Zuhause vor. Jeder Hund, jedes Tier, das bei mir landet, ist mein Lehrer. Von ihnen kann ich viel lernen: wie ich ihnen begegne, welche TTouches für dieses Tier gut sind, welche Öle ihm helfen, welche Ernährungsstrategie für dieses Tierchen genau das Richtige ist. Da gibt es ein breites Spektrum. 

Ich freue mich über jede einzelne Erfahrung, weil mir dies neue Möglichkeiten im Umgang mit den Hunden gibt. Auch wenn es eine ganz andere Art ist, bringt sie trotzdem viel Input und ein feineres Gespür dafür, was ich für Besitzer und Hund tun kann. In meinen Seminaren sind die Hunde oft die Lehrer. Wir nehmen sie mit hinein, gehen an die Gehege, lernen, wie wir mit diesem Tier ganz individuell umgehen können und was es an den bunten Möglichkeiten braucht – Tellington TTouches, ätherische Öle, natürliche Hilfen und mehr. 

P. Freiling: Wichtig ist mir, dass die Ernährung naturbelassen und frisch ist. Das heißt, viel frisches Gemüse. Getreide füttern wir sehr wohl – sehr ausgesuchtes, hochwertiges Getreide, möglichst in Bio-Qualität, denn das vertragen unsere Tiere erfahrungsgemäß sehr gut. Der Fleischanteil ist nicht so hoch, sodass der Stoffwechsel das gut verarbeiten kann. Je nach Tier wird das entsprechend angepasst. Wichtig ist mir bei der Ernährung, dass man selbst schaut, was der Hund verträgt und was nicht. Ich habe viele Rezepte als Beispiel in meinen Büchern, aber es ist immer wichtig, den eigenen Hund gut zu beobachten. Keiner kennt den Hund so gut wie der Besitzer selbst. Wenn man erkennt, dass er eine Zutat nicht verträgt, lässt man sie im nächsten Rezept weg oder tauscht sie aus. 

Gerne kann man mich kontaktieren und anrufen, aber da ist wirklich der Besitzer gefragt. Wenn wir diesen ganzheitlichen Weg gehen, ist es immer wichtig, dass der Besitzer gut beobachtet, seinem Bauchgefühl folgt. Meine Beobachtung ist, dass die Besitzer oft recht haben und leider durch viele Trainer oder Literatur, die unterschiedliche Dinge darstellen, verunsichert werden. Meine Erfahrung ist: Folgen Sie Ihrem Bauchgefühl und bauen Sie darauf – dann wird es gut. Viele Rezepte sind in meinem Büchlein, und wer Fragen hat, kann sich gerne melden. 

P. Freiling: Was ich mir wünsche, ist – wie ich es bereits angedeutet habe – dass die Tierhalter ihrem Bauchgefühl und ihrem Herzen folgen. Ein schöner Spruch, den ich gerne weitergebe, lautet:

„Lege deine Hand auf dein Herz und dein Herz in deine Hand – und dann lege diese Hand auf den Hund.“

Mit Herz und Verstand zu arbeiten, macht so viel Sinn. Den Hund wirklich als das zu sehen, was er ist – ein Freund, ein Schatz, ein Familienmitglied, das all unsere Liebe und Bemühung verdient, auf seinem Weg zu einem ausgeglichenen Wesen zu werden.

Gerade im Tierschutz kommen viele Tiere mit einem schweren Rucksack an Erfahrungen und Traumata. Es hilft nicht, sie zu bemitleiden – Mitgefühl ja, aber Mitleid bringt niemanden weiter. Vielmehr sollten wir uns fragen: Was lieben wir an unserem Tier? Wo wollen wir hin?

Denn das ist mein Leitsatz: Nicht in der Vergangenheit wühlen, sondern in die Zukunft schauen. Ein fröhlicher, gesunder und entspannter Hund, der mit Freude an unserer Seite durchs Leben geht – das ist das Ziel. Dabei dürfen wir uns Hilfe holen, wo sie gebraucht wird. Es gibt so viele liebevolle, fundierte Methoden und Ansätze – und sie alle sind wie ein Tanz. Wenn eine Maßnahme nicht sofort greift, probieren wir die nächste. Wichtig ist: Nicht aufgeben, das positive Bild im Kopf behalten und dem Hund mit Herz, Hand und Hingabe zur Seite stehen.

Zwischen Körpersprache und Alltagstraining – Impulse für ein achtsames Miteinander mit dem Hund

Karin Petra Freiling

Die Diplom-Biologin Karin Petra Freiling ist eine international anerkannte Expertin für Hundeausbildung und -verhalten. Als Heilpraktikerin für Psychotherapie und Hundephysiotherapeutin verfolgt sie einen ganzheitlichen Ansatz in der Arbeit mit Hunden und ihren Haltern. Sie ist eine von weltweit nur 12 Tellington TTouch®-Instruktorinnen und arbeitet eng mit der Begründerin der Methode, Dr.hc Linda Tellington-Jones, zusammen. Auf ihrem Gelände nahe Bremen gibt sie Seminare und bietet schwierigen Hunden ein liebevolles Zuhause. Zudem ist sie Vorsitzende des Tierschutzvereins „Verbindung zwischen den Arten e.V.“.