Tiergesundheit ganzheitlich denken: Was unsere Tiere wirklich brauchen

Ob es einem Tier gut geht, ist für viele Tierbesitzer nicht immer eindeutig zu erkennen. Ein wichtiger Aspekt, an dem sich Wohlbefinden oder mögliche Schmerzen ablesen lassen, ist die Körpersprache. Bereits kleine Veränderungen von Körpersignalen und Verhalten können ein Anzeichen für mögliche Beschwerden sein. Daher ist das Beobachten des Tieres, die eigene Intuition und die nötige Empathie so wichtig, um das Wohlbefinden seines tierischen Partners zu unterstützen.

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H. Achner: Wie heißt es so schön: Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Gesundheit zeigt sich in Lebensfreude und Vitalität, in Ausgeglichenheit und Zufriedenheit. Ob ein Tier nicht nur körperlich gesund ist, sondern es ihm auch psychisch gut geht, erkennt man sehr gut an seinem Verhalten. Ein rundum gesundes Tier zeigt Neugierde, frisst gut (natürlich gibt es auch die typischen Mäkler, ohne dass dies ein Anzeichen für Unwohlsein sein muss) und bewegt sich gern und mit Freude. Ein Tier, das psychisch stabil ist und sich sicher fühlt, kann sich gut entspannen, reagiert angemessen auf Reize, steckt auch gelegentliche Stresssituationen gut weg und ist weder übertrieben ängstlich noch übertrieben aggressiv. Jeder Halter sollte sein Tier gut lesen können. Daran hapert es leider sehr oft. Aber gerade die Körpersprache kann uns sehr viel über das innere Befinden des Tieres verraten.

H. Achner: In der Tat sind es die feinen Veränderungen im Verhalten oder in der Körpersprache, die die ersten Hinweise darauf geben, dass etwas mit dem Tier nicht stimmt, dass es ihm nicht gut geht. Zieht sich ein Tier plötzlich öfter zurück als früher oder hat ein höheres Ruhebedürfnis, ist es reizbarer oder gibt es Veränderungen im Schlaf- oder Fressverhalten, dann sollte man aufmerksam werden. Oft zeigt sich auch eine veränderte Mimik, vielleicht ist der Gesichtsausdruck angespannter oder es bilden sich gar Sorgenfalten auf der Stirn oder die Körperhaltung hat sich verändert. Ein weiteres Frühwarnzeichen kann zum Beispiel auch wiederholtes Lecken an bestimmten Körperstellen sein oder auch häufiges Schmatzen.

Gerade weil diese Anzeichen so subtil sind, werden sie im Alltag leicht übersehen. Tiere können Krankheit und Schmerzen oft gut verstecken. Aber diese kleinen, manchmal kaum wahrnehmbaren Veränderungen sollten ernst genommen werden. Es kann harmlose Gründe für die Verhaltensänderungen geben wie zunehmendes Alter oder ein vorübergehendes körperliches oder emotionales Unwohlsein. Doch oft zeigen uns die Tiere durch diese Signale, dass sie Unterstützung brauchen – körperlich, emotional oder seelisch.



H. Achner: Tiere drücken ausgesprochen häufig über ihre Körpersprache und ihr Verhalten aus, wie es ihnen geht. In der Regel geschieht das lange, bevor sich eine Krankheit deutlich bemerkbar macht. Aber diese Anzeichen sind, wie erwähnt, fast immer sehr subtil. 

Als Halter kann man lernen, „zwischen den Zeilen“ zu lesen, indem man sein Tier aufmerksam und ohne vorgefasste Meinung beobachtet. Es sollte eigentlich selbstverständlich sein, dass man sich regelmäßig Zeit ausschließlich für sein Tier nimmt und dabei auch sorgfältig, objektiv und mit Einfühlungsvermögen auf kleine Veränderungen achtet. Zeit bewusst miteinander zu verbringen, wird auch gern als „Quality Time“ bezeichnet. Insbesondere für den Hund, aber auch für unsere anderen Tiere, ist diese „Qualitätszeit“ ungemein wichtig. Bindung und Vertrauen werden verstärkt und dadurch wird auch die Wahrnehmung des Halters für sein Tier feiner. Je besser wir unser Tier kennen, umso schneller spüren wir, wenn etwas nicht stimmt. Man darf hier auch ruhig auf seine Intuition bzw. sein Bauchgefühl hören. Diesem Gefühl von „Irgendetwas stimmt nicht“ sollte auf alle Fälle nachgegangen werden.



H. Achner: Stress ist bei Mensch und Tier der „Krankmacher Nr. 1“. Bei Tieren wird dieser Zusammenhang nicht selten übersehen. Laute Musik oder ständig laufender Fernseher, Kinder, die auf die Ruhebedürfnisse des Tieres keine Rücksicht nehmen, hektische Tagesabläufe oder auch neue zwei- und vierbeinige Familienmitglieder stressen das Tier. Auch eine Überforderung durch zu viel Training, inadäquate Hundebegegnungen oder eine Reizüberflutung durch ein ungünstiges Umfeld kann chronischen Stress auslösen. Langeweile, schlechte Bindung, fehlendes Sicherheitsgefühl, antiquierte Erziehungsmethoden, erlernte Hilflosigkeit oder auch nie die Möglichkeit zum Freilauf sind ebenfalls erhebliche Stressfaktoren. Der akute Stress ist dabei weniger das Problem, es ist der chronische Stress, der krank macht. 

Um Stress zu reduzieren, sollte auf ein ruhiges, stabiles Umfeld geachtet werden. Rückzugsorte, feste Rituale und verlässliche Bezugspersonen geben Sicherheit. Eine gute Bindung schenkt dem Tier das Gefühl von Geborgenheit. Regelmäßige Erholungs- und Regenerationsphasen sind ebenfalls von großer Bedeutung. Die Wahl der Beschäftigung sollte individuell passen: Ein junger, aktiver Hund braucht körperliche und mentale Auslastung, aber auch Pausen. Eine sensible, ältere Katze mag vermutlich keine grobmotorischen Spiele und ist schneller reizüberflutet. Die Persönlichkeit des Tieres sollte respektiert werden. Es ist die Aufgabe des Halters, ein Umfeld zu schaffen, in dem dem vierbeinigen Familienmitglied echte Entspannung möglich wird.

H. Achner: Die Ernährung beeinflusst nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche und damit das Verhalten. Der Darm ist eng mit dem Nervensystem verbunden (über die sog. „Darm-Hirn-Achse“). Daher können sich Fütterungsfehler durchaus auf Emotionen, Stressresistenz und Verhalten auswirken. Futtermittel, die viel Zucker, minderwertige Proteine, künstliche Zusätze wie Geschmacksverstärker und Konservierungsmittel enthalten, schaden nicht nur der körperlichen Gesundheit, sie können durchaus auch zu vermehrter Unruhe, zu Ängstlichkeit oder auch zu Konzentrationsschwäche führen.

Im Darm befinden sich ungefähr 80 Prozent der Immunzellen. Eine ausgewogene, artgerechte und möglichst naturbelassene Ernährung unterstützt daher das Immunsystem und trägt zu einer stabilen Gesundheit bei. Ein gesunder Darm kann aber auch einen großen Beitrag zu Ausgeglichenheit und Zufriedenheit leisten. Es muss nicht unbedingt BARF („Biologisch artgerechtes rohes Futter“) sein, aber zumindest ein Nassfutter, evtl. auch ein Trockenfutter, von sehr hoher Qualität. Ein Blick auf das Etikett auf der Verpackung kann hier weiterhelfen. Bei der sog. „offenen Deklaration“ werden die Zutaten alle einzeln aufgezählt und der prozentuale Anteil angegeben. 



H. Achner: Für mich bedeutet eine gute Zusammenarbeit, dass alle Beteiligten, also Tierhalter, Tierarzt/Tierärztin, Verhaltenstherapeut und, nicht zu vergessen, Tierheilpraktiker und auch Tierphysiotherapeut, an einem Strang ziehen. Als Team sozusagen, das sich mit Offenheit und Respekt begegnet und bereit ist, voneinander zu lernen. Das wäre ideal, nicht zuletzt für das Tier. Jeder bringt sein Wissen und seine Erfahrungen ein und so kann ein umfassendes Bild vom Tier entstehen. Das sind die besten Voraussetzungen, um dem Tier wirklich zu helfen und nicht nur Symptome zu bekämpfen. 

Naturheilkundliche oder auch sog. „alternative“ Ansätze unterstützen sanft, stärken die Selbstheilungskräfte und helfen oft gerade dort, wo Körper und Psyche eng miteinander verflochten sind. Die Psyche ist bei so vielen Erkrankungen als wesentlicher Faktor involviert – das wird oft zu wenig berücksichtigt. In besonderem Maße trifft dies auf chronische Erkrankungen zu und Erkrankungen, die oftmals nach wie vor ein wenig abwertend als „psychosomatisch“ bezeichnet werden. Besonders die Aroma- und die Phytotherapie bieten wunderbare Möglichkeiten, die Psyche äußerst sinnvoll zu unterstützen und zu stabilisieren. Das hat meiner Meinung nach auch Einfluss auf die körperliche Gesundheit. 

Ich erlebe immer wieder, wie sehr Tiere davon profitieren, wenn schulmedizinische Therapien und naturheilkundliche bzw. „alternative“ Maßnahmen sich ergänzen dürfen, anstatt sich auszuschließen. Zudem ist es von großer Bedeutung, die Halter mit einzubeziehen. Auch sie leisten einen überaus wichtigen Beitrag, damit das Tier gesund werden kann. Und dieser Beitrag reduziert sich bei weitem nicht nur auf die Gabe von Medikamenten. Liebe, Geborgenheit, Fürsorge und das Wissen, dass das Tier in guten Händen ist, sind wichtige Impulsgeber für die Heilung. 

Im Mittelpunkt steht immer das Tier. Arbeiten wir zusammen, kann Heilung auf allen Ebenen geschehen.



H. Achner: Im Alter verändern sich die Bedürfnisse unserer Tiere. Sie sind nicht mehr so beweglich, sie sind weniger belastbar, der Stoffwechsel verändert sich, die Sinne lassen nach und viele werden empfindlicher gegen Stress und benötigen längere Ruhe- und Erholungszeiten. Oft zeigen sich erste Anzeichen in kleinen Dingen: Der Hund geht nicht mehr so gern längere Spaziergänge, die Katze will immer weniger nach draußen. Die Oldies schlafen viel und lange.

Kürzere, ruhige Spaziergänge mit viel Schnüffeln, das Bereitstellen weicher und warmer Schlafplätze und viel Liebe und Geborgenheit machen dem Tier das Älterwerden leichter. Natürlich sollte auch das ältere Tier in Bewegung bleiben – denn wer „rastet, der rostet“. Mentale Anregung durch ruhige (Schnüffel)Spiele oder gezieltes Training in kleinen Schritten halten den Geist aktiv. Oft ist es sinnvoll, die Ernährung dem alternden Organismus anzupassen. Auch ein regelmäßiger Geriatriecheck beim Tierarzt ist zu empfehlen. 

Naturheilkundliche Methoden oder auch regelmäßige Physiotherapie können den schwächelnden Bewegungsapparat unterstützen. Naturheilmittel oder auch sinnvoll eingesetzte Nahrungsergänzungsmittel können die alternden Organe und das nachlassende Immunsystem dabei unterstützen, weiterhin möglichst reibungslos zu funktionieren. Da unsere Tiere immer älter werden, wird auch das kognitive Dysfunktionssyndrom (Altersdemenz) zum zunehmenden Problem. Auch hier kann man vorbeugend oder auch bei bereits beginnender Demenz das Gehirn des Tieres wunderbar unterstützen. 

Ein weitestgehend gesunder Körper, keine oder zumindest wenig Schmerzen, ein funktionierendes Gehirn und eine stabile Psyche tragen enorm viel zur Lebensqualität bei. Es liegt in der Verantwortung der Halter, alles zu tun, um ihrem Oldie das Leben so angenehm wie möglich zu machen.



H. Achner: Ich wünsche mir von der Öffentlichkeit und den Medien mehr Verantwortungsbewusstsein, mehr Mitgefühl und Seriosität im Umgang mit Tiergesundheitsthemen. Tiere sind fühlende Wesen, die uns ähnlicher sind, als viele glauben möchten. Kurzlebige Trends, haarsträubende Versprechen und schnelle Lösungen können der Individualität und Komplexität eines Tieres nicht gerecht werden. Gesundheit verlangt nach umfassendem Wissen, nach ganzheitlichem Denken und nach Offenheit für neue Ideen. 

Ich möchte Halter ermutigen, genauer und kritischer hinzusehen, das eigene Bauchgefühl ernst zu nehmen und den Mut zu haben, auch einmal eine vorgeschlagene Therapie zu hinterfragen. Um es klar zu sagen: das Gehirn an der Praxistür abzugeben, kann nicht der Weg sein. Wer ein Tier hält, sollte auch in der Lage sein, sich zu informieren. Das ist heute in der Informationsgesellschaft, in der wir leben, leicht geworden. Dabei ist es natürlich wichtig, immer kritisch zu bleiben, selbst zu denken und sich nicht vom „Geschäft mit der Angst“ manipulieren zu lassen. 

Es geht darum, Vertrauen in die eigene Wahrnehmung zu stärken und die Bedürfnisse des eigenen Tieres wirklich zu verstehen. Ganzheitliches Denken ist dabei von großer Bedeutung. Es gibt wunderbare und äußerst kompetente Fachleute, die es nicht krumm nehmen, wenn Halter mitdenken, sondern es sogar begrüßen. Mit diesen Experten in der Tiergesundheit kann man den besten Weg für sein Tier finden, damit es schnell wieder gesund wird und eine hohe Lebensqualität hat. 

Ich wünsche mir, dass mehr Tierhalter sich grundlegend bei seriösen Quellen über Gesundheitsthemen informieren, den Mut finden, Fragen zu stellen und genau hinzusehen und für ihr Tier mit Herz und Verstand Verantwortung übernehmen.





Tiergesundheit ganzheitlich denken: Was unsere Tiere wirklich brauchen

Heike Achner

Die Tierheilpraktikerin und Archäologin Heike Achner hat selbst zwei Hunde, die von ihrem Wissen bezüglich Verhalten, Psychologie und Kommunikation von Tieren profitieren. Nachdem Achner im Forschungsbereich von Universitätskliniken arbeitete, hat sie sich mittlerweile auf das Verfassen von Fernlehrgängen, Fachbeiträgen, Sachbüchern und Ratgebern als freie Autorin spezialisiert – unter anderem auf Themen wie Alternativ- und Tierheilkunde. Ein besonderes Interesse hat sie für die Mentale Naturheilkunde. Dazu bietet sie zusammen mit einem Schulungszentrum für Hundetrainer Coach-Lehrgänge an.