Phytotherapie im Fokus – Einblick in einen tierärztlichen Fachbereich mit Zukunft

Das faszinierende Potenzial der Phytotherapie in der Veterinärmedizin wird trotz wissenschaftlicher Belege über therapeutische Erfolge leider nur in Einzelfällen voll ausgenutzt. Um die Pflanzenheilkunde im Praxisalltag fest zu etablieren, müssen angehende Veterinärmediziner zukünftig umfassend geschult werden und insgesamt mehr Aufklärungsarbeit über phytotherapeutische Ansätze stattfinden.

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Dr. C. Brendieck-Worm: Im Grunde waren es die erfolgreichen Anwendungen einfacher Arzneipflanzen-Zubereitungen bei den Tieren auf dem elterlichen landwirtschaftlichen Betrieb, die in mir schon ganz früh den Wunsch geweckt haben, Tierärztin zu werden. Aber leider habe ich im Studium Pflanzen nur als Gift- oder Futterpflanzen kennengelernt und letztlich auch weitgehend ohne den Arzneipflanzen-Schatz meine praktische tierärztliche Tätigkeit begonnen.

Erst durch eigene gesundheitliche Beschwerden und durch die Erfahrung, dass bei den Startschwierigkeiten unserer Kinder meines Erachtens viel zu starke Arzneimittel eingesetzt wurden, sind die Arzneipflanzen mir wieder in Erinnerung gekommen. Dann wollte ich es genau wissen, habe eine wissenschaftliche postuniversitäre Grundausbildung in Phytotherapie für Tiermediziner begonnen und seither nicht mehr aufgehört, mir dieses großartige Fachgebiet zu erschließen. Schon bald habe ich begonnen, mich in die Phytotherapie-Fort- und Weiterbildung von Kollegen einzubringen und genieße bis heute den Austausch mit phytotherapeutisch arbeitenden Kollegen, obwohl ich längst im Ruhestand bin.



Dr. C. Brendieck-Worm: Es ist eine sonderbare Situation entstanden, über die ich stundenlang erzählen könnte. Im Tiermedizinstudium spielt die Phytotherapie keine Rolle. Entsprechend fehlt den Studienabgängern jegliches Wissen zur Phytotherapie – genau wie den meisten Kollegen, bei denen sie als junge Tiermediziner nun in die praktische Ausbildung gehen. In der Praxis werden sie aber zunehmend mit Tierhaltern konfrontiert, die gute Erfahrungen mit Arzneipflanzen gemacht haben und diese auch für ihre Tiere wünschen. Man findet heute wohl in den meisten Praxen Ergänzungsfuttermittel mit Arzneipflanzen, weil diese ja vom Tierhalter gewünscht werden. Aber meist ist das therapeutische Potenzial der Arzneipflanzen nicht bekannt.

Es haben in den letzten 30 Jahren etliche Kollegen fundiertes Heilpflanzenwissen erworben und wenden es erfolgreich an. Aber es sind viel zu wenige. Es müssten alle wissen, was mit Arzneipflanzen möglich ist. Dann gäbe es deutlich weniger Resistenzentwicklung bei Infektionserregern gegen Antibiotika. Und ich bin auch davon überzeugt, dass es dann weniger chronische Darmerkrankungen und chronische Bewegungsstörungen gäbe.

Überhaupt nicht zu begreifen ist für mich, dass die validen wissenschaftlichen Belege für die Wirksamkeit von Arzneipflanzen nicht zumindest da genutzt werden, wo es in der konventionellen Tiermedizin ungelöste Probleme gibt – etwa die positiven Erfahrungen mit ätherischen Ölen im Einsatz gegen multiresistente Erreger. Da fehlt es nicht nur an Wissen, sondern auch an Anerkennung durch etablierte Veterinärpharmakologen und an arzneimittelrechtlichen Grundlagen.



Dr. C. Brendieck-Worm: Einerseits bin ich natürlich froh über die zunehmende Aufgeschlossenheit der Tierhalter gegenüber den Arzneipflanzen. Ich freue mich über jeden, der bereit ist, die oft nicht so bequem anzuwendenden Arzneipflanzen für sein Tier zu nutzen und der für eine fachkundige Einweisung durch phytotherapeutisch arbeitende Tiermediziner offen ist.

Andererseits sehe ich mit Sorge den Hype um gewisse Pflanzen. Es gibt skrupellose Geschäftemacher, die ohne solides Arzneipflanzenwissen miserable pflanzliche Produkte über das Internet vermarkten und das Blaue vom Himmel versprechen – teilweise noch Tiermediziner pauschal als geldgierig bezeichnen und ihre Methoden verteufeln. 

Laien und leider auch die meisten Tiermediziner können die Qualität solcher Produkte oft nicht beurteilen und die Unterschiede zu hochwertigen Produkten nicht erkennen. Auch fachliche Qualitäten bei Therapeuten sind für Tierhalter nicht so ohne weiteres erkennbar.

Die Übernahme von Verantwortung für die eigene Gesundheit und für die der Tiere in meiner Obhut finde ich eminent wichtig. Aber um diese Verantwortung übernehmen zu können, muss ich auch ein solides Wissen zu gesundheitlichen Zusammenhängen haben. Und daran mangelt es doch sehr. Das kann dann dazu führen, dass dringende tierärztliche Maßnahmen durch eigene Versuche verschleppt werden und die Tiere unnötig leiden oder gar sterben. Auch durch die falsche Annahme, dass natürliche pflanzliche Medizin grundsätzlich harmlos und ohne Nebenwirkungen ist, kommen immer wieder Tiere zu Schaden. Man kann leider niemanden daran hindern, im Internet seine unverantwortlichen Ratschläge zu verbreiten.



Dr. C. Brendieck-Worm: Arzneipflanzen enthalten ein sehr komplexes Spektrum an Inhaltsstoffen, durch das im Organismus ganz vielfältige Reaktionen angestoßen werden. Für mich sind es folglich die komplexen, auch schon zur Chronifizierung neigenden Erkrankungen wie z. B. Darmerkrankungen, Bewegungsstörungen oder rezidivierende Harnwegs- oder Atemwegserkrankungen, bei denen durch Phytotherapie Verbesserungen erzielt werden, die durch konventionelle Therapie nicht erreicht werden konnten.

Aber auch zur Gesunderhaltung, gerade bei den immer älter werdenden Haustieren, leisten Arzneipflanzen Beachtliches, z. B. Stärkung von Herz, Leber oder Niere, Unterstützung des Immunsystems und vieles mehr.

Dr. C. Brendieck-Worm: Bei allen Tieren, von denen Lebensmittel für Menschen gewonnen werden, sind bei der Behandlung mit Medikamenten besondere Vorschriften zu beachten, damit der Mensch nicht durch Rückstände in Lebensmitteln wie Fleisch, Milch oder Eiern gefährdet wird. Wer jetzt denkt, dass da Arzneipflanzen besonders günstig einzusetzen wären, da sie in aller Regel keine Rückstände im Tier bilden, weil sie restlos verstoffwechselt werden können, hat zwar im Prinzip recht. Aber trotzdem gibt es unzählige Einschränkungen und Verbote, einfach weil es an durch Forschung gesicherten Erkenntnissen fehlt und deshalb vom Gesetzgeber vorsichtshalber ein Anwendungsverbot oder zumindest eine Anwendungseinschränkung ausgesprochen wird. Oder eine lange Wartezeit folgt, bis von dem behandelten Tier wieder Lebensmittel gewonnen werden dürfen. Durch solche Wartezeiten wird in der Nutztierpraxis die Phytotherapie unwirtschaftlich.

Bei der Phytotherapie von Heimtieren fehlen uns – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – ebenfalls echte Veterinär-Phytopharmaka. Der Einsatz von Ergänzungsfuttermitteln mit Arzneipflanzen ist für beide Tiergruppen möglich. Aus medizinischer Sicht ist das aber unbefriedigend, denn in entsprechender Dosierung, wie es sie für Phytopharmaka geben würde, können pflanzliche Arzneimittel einfach mehr. Das zeigen die in der Humanmedizin eingesetzten Phytopharmaka, für die es gute Studien gibt.



Dr. C. Brendieck-Worm: Ich halte eine fundierte universitäre Ausbildung zum Potential der Phytotherapie in der Tiermedizin für dringend geboten. In den letzten Jahrzehnten ist z. B. das Wissen um die Bedeutung des Mikrobioms enorm gewachsen. Die Zusammenhänge zwischen Ernährung, Mikrobiom und Immunsystem sind so komplex. Das wird bei konventioneller Therapie zu wenig berücksichtigt. Mit Arzneipflanzen könnte hier wesentlich schonender therapiert und der Organismus in seinen faszinierenden Selbstheilungsmöglichkeiten effektiv unterstützt werden.

Ich hätte mir sehr gewünscht, dass meine Versuche, zumindest Wahlpflichtfächer zur Phytotherapie an den tiermedizinischen Hochschulen zu installieren, zum Erfolg geführt hätten. Dem ist aber leider nicht so. Nach meinem Ausscheiden aus der Praxis haben jetzt jüngere Kollegen die postuniversitäre Phytotherapie-Ausbildung, die ich in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit auf- und ausgebaut habe, weitgehend übernommen. Ich versuche derweil, mit Buch- und Zeitschriften-Veröffentlichungen auf die Phytotherapie aufmerksam zu machen.



Dr. C. Brendieck-Worm: Ich wünsche mir, dass Tiere nicht länger fast nur für Arzneipflanzenforschung für Menschen herhalten müssen, sondern die Forschung für die einzelnen Tierarten, die wir als Tiermediziner versorgen, deutlich ausgeweitet wird und dass die dabei gewonnenen Erkenntnisse in der pharmakologischen Ausbildung der Studierenden eine ebenso große Rolle spielen, wie diejenigen zu konventionellen Pharmaka.

Ich wünsche mir eine arzneimittelrechtliche Basis, die dem Potential der Arzneipflanzen gerecht wird und den Unternehmen, die Forschung und Entwicklung im Bereich Phytopharmaka betreiben, auch solide Rechtssicherheit gibt, um pflanzliche Arzneimittel für Tiere auf den Markt bringen zu können.

 



Phytotherapie im Fokus – Einblick in einen tierärztlichen Fachbereich mit Zukunft

Cäcilia Brendieck-Worm

Die Tierärztin Dr. Cäcilia Brendieck-Worm hat sich auf wissenschaftlich fundierte Ansätze der Phytotherapie spezialisiert. Sie gibt ihr Wissen im Rahmen von Fortbildungen, Seminaren und Vorträgen an Tierärzte und Tierhalter weiter. Zusätzlich setzt sich Dr. Cäcilia Brendieck-Worm dafür ein, dass die Pflanzenheilkunde zukünftig Bestandteil des Studiums der Veterinärmedizin wird.