Allergien in der Schwangerschaft: Hebamme Nadine Beermann über sanfte Regulation und das Zusammenspiel von Mutter und Kind

Beitragsbild Interview Nadine Beermann

Die Schwangerschaft ist für Frauen eine Zeit der tiefgreifenden Veränderungen, sowohl für Gefühle als auch für den eigenen Körper. Wenn das Immunsystem plötzlich anders als zuvor auf bisher harmlose Reize, Düfte oder Pollen reagiert und intensive allergische Reaktionen auftreten, sorgt das bei Schwangeren schnell für Verunsicherung. Wie lässt sich das sensible System in Balance bringen, ohne dem ungeborenen Kind zu schaden?

Wir haben mit der erfahrenen Hebamme Nadine Beermann darüber gesprochen, warum der Körper in der Schwangerschaft so feinfühlig auf gewohnte Reize reagiert. Im Interview mit der bio-apo erklärt sie das faszinierende Zusammenspiel von Mutter und Kind und zeigt, wie Schwangere durch sanfte Regulation, Achtsamkeit und die gezielte Unterstützung ihres individuellen physiologischen Bedarfs ihren Körper in dieser Zeit unterstützen können.

Frau Beermann: In der Schwangerschaft schärfen sich die Sinne einer Frau auf ganz natürliche Weise. Das ist ein wunderbarer, von der Natur eingerichteter Schutzmechanismus. Der Körper befindet sich in einem permanenten Regulationszustand und stellt sich immunologisch völlig neu auf. Um das heranwachsende Leben zu schützen, muss das Immunsystem der Mutter lernen, tolerant gegenüber dem „fremden“ Gewebe des Kindes zu sein, während es gleichzeitig die Abwehr nach außen aufrechterhält. Durch diese feine Balance verschiebt sich das Gleichgewicht der Immunzellen. Die Folge ist, dass Schwangere wie auf Empfang geschaltet sind – sie nehmen Reize, Düfte, aber eben auch Allergene viel früher und oft deutlich intensiver wahr als sonst. Es ist, als würde das körpereigene Warnsystem sensibler eingestellt werden.

Frau Beermann: Diese drei Systeme arbeiten in der Schwangerschaft Hand in Hand und beeinflussen sich gegenseitig massiv. Die hormonelle Umstellung – allen voran der hohe Progesteronspiegel – sorgt unter anderem dafür, dass die Schleimhäute stärker durchblutet sind und anschwellen. Wenn nun das Immunsystem ohnehin in diesem sensiblen Regulationsmodus ist, treffen Allergene auf eine bereits strapazierte, durchlässigere Barriere. Gleichzeitig reagiert das vegetative Nervensystem in dieser Umstellungsphase oft empfindsamer. Wenn eine Frau müde oder gestresst ist, sendet das Nervensystem Signale, die das Immunsystem zusätzlich triggern können. Das Zusammenspiel ist also hochkomplex: Ein kleiner Reiz von außen trifft auf ein Hormonsystem im Wandel, ein hochaktives Immunsystem und ein feinfühliges Nervensystem – da reicht oft schon eine geringe Pollenbelastung für eine heftige Reaktion.

Frau Beermann: Mutter und Kind bilden in diesen neun Monaten eine unzertrennliche physiologische und emotionale Einheit. Alles, was die Mutter erlebt, teilt sie in gewisser Weise mit ihrem Baby. Wenn die Mutter gestresst ist, fluten die entsprechenden Hormone auch den Blutkreislauf und erreichen das Kind. Aber – und das ist mir ganz wichtig zu betonen: Das ist kein Grund zur Sorge oder für ein schlechtes Gewissen! Babys halten das aus. Viel entscheidender ist, wie die Mutter mit diesem Zustand umgeht. Wenn sie lernt, sich nach einem emotionalen oder allergischen „Schub“ wieder bewusst in die Entspannung zu bringen, lernt das Kind im Mutterleib bereits mit, wie Co-Regulation funktioniert. Die emotionale Wärme, das bewusste Atmen und das Zur-Ruhe-Kommen übertragen sich genauso direkt auf das Kind wie der Stress.

Frau Beermann: Der Schlüssel liegt im liebevollen Annehmen statt im permanenten Bewerten. Wenn die Nase läuft oder die Augen jucken, schaltet der Kopf sofort das Kontrollzentrum ein: „Oh je, was bedeutet das fürs Baby? Was habe ich falsch gemacht? Wie kriege ich das sofort weg?“ Aus diesem Kontrollzwang entsteht psychischer Druck, der die Symptome meist noch verstärkt. Ich rate Schwangeren immer zu einer Haltung des „Beobachtens, ohne zu bewerten“. Man darf wahrnehmen: „Ah, heute reagiert mein Körper intensiv.“ Und im nächsten Schritt darf man tief durchatmen und dem Körper vertrauen. Die Schwangerschaft ist keine Krankheit, sondern ein gesunder, physiologischer Prozess. Sich selbst den Druck zu nehmen, perfekt funktionieren zu müssen, entlastet die Psyche enorm – und ein entspanntes Nervensystem beruhigt auch ein überaktives Immunsystem.

Frau Beermann: Ich bin immer wieder fasziniert davon, wie grandios der weibliche Körper das alles meistert. Eine der stärksten Selbstregulationskräfte ist das intuitive Ruhebedürfnis. Schwangere werden oft müde – und das ist ein genialer Schachzug des Körpers, um Energie für die inneren Regulationsprozesse einzufordern. Wenn Frauen diesem Impuls nachgeben, statt dagegen anzukämpfen, unterstützen sie ihr System am besten. Auch die Atmung ist ein mächtiges Werkzeug. Über eine bewusste, tiefe Bauchatmung können Frauen ganz gezielt den Parasympathikus – unseren „Ruhenerv“ – aktivieren. Das signalisiert dem Körper Sicherheit. Wer den Fokus darauf legt, was der Körper gerade braucht – Sauerstoff, Ruhe oder Flüssigkeit –, arbeitet mit den Selbstregulationskräften, statt wertvolle Energie im Kampf gegen die Symptome zu verlieren.

Frau Beermann: In meiner Hebammenarbeit setze ich am liebsten auf ganz einfache, reizarme Maßnahmen, die den Körper sanft begleiten und ein überreiztes System wieder erden. Ein wunderbarer und sehr effektiver Ansatz aus der Körperarbeit sind beispielsweise sanfte Ausstreichungen, wärmende oder kühlende Fußbäder und leichte Yoga- oder Dehnübungen. Sie helfen dabei, den Energiefluss zu harmonisieren, Muskelspannungen zu lösen und das vegetative Nervensystem spürbar zu beruhigen. Auch die klassische Nasendusche mit einer milden Kochsalzlösung ist ein hervorragender, rein mechanischer Weg im Alltag: Sie befreit die Schleimhäute sanft von Pollen und Allergenen, hält sie feucht und unterstützt so ihre natürliche Barrierefunktion. Ergänzend dazu empfinden viele Schwangere das Inhalieren von reinem Wasserdampf oder kühlende Umschläge auf geschwollenen Augen als ungemein wohltuend. Es geht in dieser sensiblen Phase überhaupt nicht darum, das System mit neuen Reizen zu überfluten, sondern dem Körper durch diese sanften, äußeren Impulse Signale der Sicherheit und Entspannung zu senden.

Frau Beermann: Genauer hinschauen sollten wir definitiv bei der Basis: Eine ausgewogene, nährstoffreiche Ernährung und ein achtsamer Umgang mit dem eigenen Energiehaushalt sind das Fundament. Der Körper hat in dieser Zeit einen ganz natürlichen, physiologischen Bedarf an Vitaminen und Mineralstoffen, um all die Umbauprozesse zu bewältigen. Da macht es Sinn, hinzusehen und das System gut zu füttern. Wo wir aber dringend mehr Gelassenheit brauchen, ist bei diesem modernen Perfektionsanspruch. Man muss nicht jeden Tag die perfekte Superfood-Bowl essen und im absolut allergenfreien Raum leben. Dieser Optimierungswahn erzeugt einen chronischen Stresszustand – und dieser schadet dem Wohlbefinden weit mehr als ein bisschen Blütenstaub an der Kleidung. Perfektionismus ist der Feind der Intuition. Vertraut eurem Bauchgefühl!

Frau Beermann: Schwangere sollten vor allem auf Reinheit, Transparenz und eine gezielte Zusammensetzung achten. Hochwertige Produkte verzichten konsequent auf unnötige Zusatzstoffe, künstliche Aromen, Konservierungsstoffe oder Trennmittel – denn gerade ein ohnehin sensibles System möchte nicht mit unnötigem „Ballast“ konfrontiert werden. Wenn es um Nahrungsergänzungsmittel geht, steht immer die Unterstützung des physiologischen Bedarfs im Vordergrund. Vitamine und Mineralstoffe sind keine Akut-Heilmittel gegen Allergien, sondern sie unterstützen die normalen, körpereigenen Funktionen – wie etwa ein gut funktionierendes Immunsystem oder den Erhalt normaler Schleimhäute. Orientierung bieten hier vertrauenswürdige Siegel, Herstellung in zertifizierten Betrieben und eine fachkundige Beratung, sei es durch die Hebamme, den Arzt oder in der Apotheke. Weniger ist oft mehr – aber das, was man wählt, sollte von höchster Qualität sein.

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Nadine Beermann

Nadine Beermann ist erfahrene Hebamme und leidenschaftliche Begleiterin von Frauen und Paaren auf dem Weg zum Elternsein. In ihrer eigenen Hebammenpraxis bietet sie werdenden und frischgebackenen Eltern einen geschützten Raum für persönliche Betreuung und fachkundige Unterstützung. Mit ihrer langjährigen Praxiserfahrung hat sie zudem ein spezialisiertes Online-Kursangebot entwickelt: Sie bereitet Schwangere und Paare optimal auf die Geburt vor und unterstützt Frauen mit gezielten Programmen dabei, nach der Schwangerschaft wieder fit und vital zu werden. Über ihre Kurse, ihren Podcast und die tägliche Praxisarbeit stärkt sie Frauen darin, vertrauensvoll auf ihren eigenen Körper zu hören. https://www.nadine-beermann.de/